
Prof. Dr. Matthias Quent, Dr. Christoph Richter, Dr. Axel Salheiser Piper Verlag, 2022
Inhalt
Es gibt Bücher, die genau zum richtigen Zeitpunkt erscheinen. „Klimarassismus“ ist so ein Werk. Die drei Wissenschaftler des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) in Jena haben eine beeindruckende Analyse vorgelegt, die aufzeigt: Die ökologische Transformation ist untrennbar mit sozialer Gerechtigkeit verbunden.
Klimakrise als Brennglas gesellschaftlicher Ungleichheit
Die Klimakrise ist keine rein ökologische Krise – sie ist Ausdruck und Verstärker bestehender gesellschaftlicher Ungerechtigkeiten. Die Folgen treffen nicht alle Menschen gleich, sondern verstärken systematisch bestehende Benachteiligungen. Während der globale Norden historisch und gegenwärtig die Hauptverantwortung für die Klimakrise trägt, sind es die Länder des globalen Südens, die überproportional unter den Folgen leiden. Hier zeigen sich koloniale Kontinuitäten in erschreckender Deutlichkeit – von der fortgesetzten Ressourcenausbeutung bis zur ungleichen Verteilung von Anpassungsmöglichkeiten.
Auch in unseren Städten spiegeln sich diese Ungerechtigkeiten wider: Marginalisierte Gruppen leben häufig in stark belasteten Stadtteilen, wo nicht nur die Luftqualität schlechter ist, sondern auch der Zugang zu grüner Infrastruktur fehlt. Während privilegierte Bevölkerungsgruppen sich mit Klimaanlagen und privaten Gärten vor steigenden Temperaturen schützen können, fehlen vielen Menschen die finanziellen Ressourcen für solche Anpassungsmaßnahmen.
Diese systematischen Benachteiligungen sind kein Zufall, sondern Ergebnis gesellschaftlicher und politischer Entscheidungen. Doch warum gelingt es nicht, diese offensichtlichen Ungerechtigkeiten wirksam zu adressieren? Hier setzt die besondere Stärke der Analyse an.
Strategien der Verhinderung verstehen
Die Autoren identifizieren zwei zentrale Strömungen rechter Klimapolitik, die tief in unseren gesellschaftlichen Diskurs eingewoben sind: Den wissenschaftsfeindlichen Antiökologismus, der die Klimakrise grundsätzlich leugnet, und den gefährlichen Ökofaschismus, der Umweltschutz für menschenfeindliche Ideologien missbraucht. Diese Strategien sind keine Randphänomene, sondern prägen politische Entscheidungen und gesellschaftliche Debatten. Besonders erhellend ist die Analyse der „Brücken in die Mitte“ – wie diese Denkweisen in der breiten Gesellschaft Anklang finden und sich in alltäglichen Diskursen niederschlagen.
Das Erkennen dieser Mechanismen ist der erste Schritt zur Veränderung. Denn nur wenn wir verstehen, wie diese Strategien funktionieren, können wir ihnen wirksam begegnen.
Verantwortung als Chance
Das Werk macht deutlich: Die Verteidigung von Privilegien geht oft Hand in Hand mit der Ablehnung klimapolitischer Maßnahmen. Diese unbequeme Erkenntnis ist zentral für das Verständnis aktueller gesellschaftlicher Konflikte um die ökologische Transformation. Die Autoren zeigen: Ideologien der Ungleichwertigkeit durchziehen unsere Gesellschaft und prägen, wie wir über Klimakrise und soziale Gerechtigkeit denken und sprechen. Doch genau hier liegt auch die Chance für Veränderung: Im Erkennen dieser Zusammenhänge und im aktiven Einsatz für eine Transformation, die Klimagerechtigkeit und soziale Gerechtigkeit zusammendenkt.
Fazit
‚Klimarassismus‘ ist ein fundamentaler Beitrag zum Verständnis der Verschränkung von Klimakrise und gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Die Autoren zeigen eindrücklich: Wer eine gerechte ökologische Transformation gestalten will, muss bereit sein, privilegierte Positionen zu hinterfragen und strukturelle Ungleichheiten zu bekämpfen.
Eine zentrale Erkenntnis des Buches macht die demokratische Dimension der Klimakrise deutlich: Sie verstärkt systematisch bestehende Ungerechtigkeiten und trifft jene am härtesten, die am wenigsten zu ihrer Entstehung beigetragen haben. Genau deshalb ist der Kampf für Klimagerechtigkeit untrennbar mit dem Einsatz für Demokratie verbunden. Diese Analyse macht das Buch zu einer wichtigen Grundlage für alle, die sich mit gesellschaftlicher Transformation beschäftigen.
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